15.01.2019

Wer sind die Armen? Von falschen Bildern und neuen Daten.

„Wer sind die Armen?“ Stellt man in Deutschland diese Frage, bekommt man in der Regel prompt und sehr zuverlässig die Antwort: Alleinerziehende, Arbeitslose, Menschen mit unzureichenden Bildungsabschlüssen und vor allem: Migrant*innen. In gewisser Weise stimmt das auch. In gewisser Weise ist es aber auch schlicht falsch, wie der Armutsbericht des Paritätischen erstmals aufzeigt.

Von: Dr. Ulrich Schneider
Foto: Greta Schabram (links), Referentin für Sozialforschung und Statistik und Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider (Mitte) am 13. Dezember 2018 bei der Vorstellung des Armutsberichtes in der Bundespressekonferenz.

Greta Schabram (links) und Ulrich Schneider (Mitte) am 13. Dezember 2018 in der Bundespressekonferenz.

„Wer sind die Armen?“ Stellt man in Deutschland diese Frage, bekommt man in der Regel prompt und sehr zuverlässig die Antwort: Alleinerziehende, Arbeitslose, Menschen mit unzureichenden Bildungsabschlüssen und vor allem: Migrant*innen. In gewisser Weise stimmt das auch. In gewisser Weise ist es aber auch schlicht falsch, wie der Armutsbericht des Paritätischen erstmals aufzeigt.

Untersuchen wir die Soziodemografie der Armut, schauen wir uns üblicherweise bestimmte Teilgruppen der Bevölkerung an (nach Haushaltstyp, Erwerbsstatus, Bildungsniveau u.a.). Wir messen für bestimmte Merkmalsträger (bspw. Alleinerziehende, Arbeitslose u.a.) die Armutsquote und vergleichen sie mit der Gesamtquote. Das Ergebnis ist seit Jahren so ziemlich immer dasselbe: Es sind Arbeitslose (62,9 %), Alleinerziehende (40,2 %), kinderreiche Familien (30,0 %), Migrant*innen (27,5 %) oder Menschen mit ungenügenden Bildungsabschlüssen, die in jedem Jahr mit ihren Quoten ganz deutlich über der Gesamtquote (16,8 %) liegen und damit das höchste Armutsrisiko tragen. Zugrunde gelegt wird dabei ein relativer Armutsbegriff, der, EU-Standards folgend, als arm jene zählt, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in einer Gesellschaft verfügen, da in diesem Falle davon ausgegangen werden muss, dass die Betroffenen nicht mehr an der Lebensweise teilhaben können, die in einer Gesellschaft als noch annehmbar gilt.

Dieses klassische Vorgehen ist und bleibt durchaus aussagekräftig. Indem wir das Risiko für bestimmte Bevölkerungsgruppen markieren, in die Armut abzurutschen, erhalten wir in gewisser Weise einen politischen Fingerzeig, wo sozial-, bildungs- oder arbeitsmarktpolitische Instrumente anzusetzen haben, um „unverhältnismäßige“ Armut zu bekämpfen. Eigentümlich ist dieses Vorgehen jedoch insofern, als dass es nichts darüber aussagt, wer diese 16,8 Prozent, diese rechnerischen 13,7 Millionen Menschen unter uns sind, die wir zu den Armen zählen müssen. Wenn 63 Prozent der Arbeitslosen arm sind, heißt das nicht, dass sie deshalb die Gruppe der Armen dominieren müssen. Oder anders: Wenn Arbeitslose in der Regel auch arm sind, bedeutet das nicht, dass Arme in der Regel auch arbeitslos sein müssen.

Wer sind die 13,7 Millionen Armen unter uns? Wen treffen wir am wahrscheinlichsten an, wenn wir uns unter Armen bewegen? Es mag den einen oder die andere überraschen: Aber es sind gerade nicht hauptsächlich Migrant*innen, Arbeitslose, Menschen mit geringem Qualifikationsniveau, Alleinerziehende oder Kinderreiche. Es sind vielmehr ganz überwiegend hier in Deutschland geborene Menschen und Personen mit zumeist mittlerem oder höherem Qualifikationsniveau. Jede*r fünfte arme Mensch ist ein Kind. Die meisten erwachsenen Armen sind entweder erwerbstätig, in Ausbildung oder schon in Rente oder Pension.

Erwachsene arme Menschen gehen meist einer Erwerbstätigkeit nach oder sind Rentner*innen. Ganz genau sind es 33,2 Prozent von ihnen, die erwerbstätig sind, 12,4 Prozent sind in Ausbildung und 24,8 Prozent in Rente oder Pension. Arbeitslos sind dagegen lediglich 21 Prozent. Der häufige Hinweis, bei den erwerbstätigen Armen handele es sich doch zumeist um Minijobber, geht empirisch ebenfalls ins Leere: Zusammengenommen sind rund 70 Prozent der erwerbstätigen Armen teilzeitbeschäftigt (28,7 %) oder voll erwerbstätig (40,7 %). Es geht um echtes working poor: Arm trotz Arbeit. Nur gut jede*r vierte erwerbstätige Arme (26,8%) geht seiner Tätigkeit nur in geringfügigem Umfang nach. Stattdessen fällt ein deutlich höherer Anteil von Leiharbeiter*innen und Beschäftigten mit nur befristeten Anstellungsverhältnissen unter den Armen im Vergleich mit den Nichtarmen auf. So sind 7,9 Prozent der Armen in einem Zeit- oder Leiharbeitsverhältnis und 31,3 Prozent nur befristet beschäftigt, während es in der Vergleichsgruppe der Erwerbstätigen mit auskömmlichem Einkommen nur 2,3 Prozent bzw. 10,5 Prozent sind. Zumindest statistisch ist der Zusammenhang zwischen working poor einerseits und Leiharbeit und befristeten Arbeitsverhältnissen andererseits evident.

Wenn mehr als zwei Drittel der erwachsenen Armen erwerbstätig, in Ausbildung oder in Rente sind, kann es auch nicht mehr erstaunen, dass das Vorurteil, arme Menschen seien zumeist auch „ungebildet“ nicht zutrifft: 56 Prozent der Einkommensarmen können ein mittleres und weitere 17,1 Prozent sogar ein hohes Qualifikationsniveau vorweisen. Mit anderen Worten bei fast drei Viertel der Armen dürfte das Bildungsniveau nicht die Ursache für die prekäre Einkommenssituation darstellen. Und das heißt auch: Die Armutsproblematik in erster Linie als ein Problem nicht vorhandener Arbeit und nicht vorhandener Qualifikation zu interpretieren, geht klar an den empirischen Fakten vorbei.

Was den Migrationshintergrund anbelangt, waren die letzten Veröffentlichungen geeignet, einer oberflächlichen Leser*in ein Bild zu suggerieren, wonach die Armutsproblematik in erster Linie ein Problem des Zuzugs von Migrant*innen sei. Und in der Tat sind Menschen mit Migrationshintergrund häufiger von Armut betroffen als Menschen ohne Migrationshintergrund. Richtig ist auch, dass die Armutsquote unter Migrant*innen in diesem Jahrzehnt angestiegen ist. Unter dem Strich ist jedoch zur Kenntnis zu nehmen: Rund drei Viertel der Armen ist in Deutschland geboren.

Die Veränderung der Fragestellung von „Wer hat das höchste Armutsrisiko?“ hin zu „Wer sind die Armen?“ ermöglicht endlich neue Perspektiven in der Armutsbekämpfung. Nicht, dass damit die Bekämpfung der Armut unter Alleinerziehenden, Arbeitslosen oder Migranten zweitrangig oder gar obsolet würde. Dies kann eindeutig nicht aus den neuen Befunden des Paritätischen Armutsberichtes geschlossen werden. Doch fällt auf, dass gerade die beiden Phänomene, die in der öffentlichen und politischen Diskussion mit Verweis auf vergleichsweise günstige Armutsquoten regelmäßig heruntergespielt werden, besondere Relevanz erlangen: Die Armut von Erwerbstätigen und die Armut von Rentner*innen.

Nach den Daten des Sozio-oekonomischen Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung beträgt die Armutsquote für Erwerbstätige gerade einmal 9,2 Prozent – bei 16,8 Prozent für alle Gruppen gemeinsam. Auch Rentner*innen und Pensionär*innen sind mit 14,7 Prozent nur unterdurchschnittlich betroffen. Im politischen Diskurs sorgten derlei Quoten in den letzten Jahren dafür, dass Altersarmut als ein Problem künftiger Generationen, aber nicht als akutes Problem eingeordnet wurde und working poor so gut wie überhaupt keine Rolle spielte.

Wenn aber, wie der Paritätische Armutsbericht zeigt, mehr als ein Drittel der erwachsenen Armen erwerbstätig und jede*r Vierte Rentner*in bzw. Pensionär*in ist, wird klar: Ohne eine Politik, die sich dem Phänomen der Armut trotz Arbeit und der Altersarmut stellt, ist eine wirkungsvolle Bekämpfung der Armut nicht möglich. Bei der Bekämpfung der Altersarmut reicht die Agenda von der armutssicheren Rente bis zur Reform und spürbaren Verbesserung der Altersgrundsicherung. Dem Phänomen des working poor kann nur mit einem Bündel von Maßnahmen begegnet werden. Schon die wenigen statistischen Anhaltspunkte aus dem Paritätischen Armutsbericht verweisen auf die große Notwendigkeit, zu einem Mindestlohn zu gelangen, der tatsächlich vor Einkommensarmut zu schützen vermag, einen Familienlastenausgleich zu schaffen, der Kinder in erwerbstätigen Haushalten nicht zum Armutsrisiko werden lässt – etwa durch die Etablierung einer existenzsichernden Kindergrundsicherung außerhalb von Hartz IV – und deutlich mehr zu tun für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das heißt mehr und passgenauere Erziehungs- und Betreuungseinrichtungen. Das heißt aber auch, bedarfs- und einkommensorientiert finanzielle Ausgleiche bei Teilzeittätigkeit von Eltern zu schaffen, die vor Armut zu schützen vermögen.

Ulrich Schneider

Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes

 

 


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