07.03.2016

Wenn die Herkunft über die Zukunft entscheidet

Von der Schule bis zur Jobsuche – die diskriminierende Ungleichbehandlung von Menschen mit Migrationshintergrund ist alltägliche Realität. Im Kampf gegen die Armut braucht es eine Kultur der Anerkennung und der Solidarität.

Von: Sergio Andrés Cortés Núñez, Kenan Küçük, Burcu Künbülk
Migrantinnen und Migranten sind in Deutschland besonders stark von Armut betroffen. Fotolia/Highwaystarz

Migrantinnen und Migranten sind in Deutschland besonders stark von Armut betroffen. Fotolia/Highwaystarz

Migrantinnen und Migranten sind in Deutschland besonders stark von Armut und sozialer Ungleichheit betroffen. So waren laut dem Statistischen Bundesamt 2014 über ein Viertel (26,7%) der Bevölkerung mit Migrationshintergrund von Armut bedroht. Das sind doppelt so viele wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund (12,5%). Bei Migrantinnen und Migranten wirken dieselben Risikofaktoren für das Abrutschen in die Armut, wie bei vergleichbaren Risikogruppen der Bevölkerung, allerdings auf höherem Niveau. Alleinerziehende, Kinder und alte Menschen mit Migrationshintergrund sind einem überdurchschnittlich hohen Armutsrisiko ausgesetzt.  

Diese Kluft zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund kann nicht durch religiöse und kulturelle Eigenschaften der betroffenen Gruppen erklärt werden. Faktoren wie Geschlecht, Familieneinkommen oder die Herkunft bestimmen hingegen über den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und damit Entfaltungsmöglichkeiten. Diskriminierung findet dabei auf unterschiedlichen Ebenen statt. Eine bedeutende Rolle spielt die strukturelle Diskriminierung, welche sich über im Alltag etablierte Praktiken und gesellschaftliche Strukturen, Vorurteile, Ignoranz und kollektive gesellschaftliche Vorstellungen konstant reproduziert.

Benachteiligung im Bildungssystem

Schon früh bestimmen diese gesellschaftlichen Mechanismen die Verwirklichungschancen der Betroffenen. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund erreichen durchgehend niedrigere Abschlüsse als ihre deutschen Mitschülerinnen und Mitschüler. Zahlreiche Studien belegen den Einfluss auf die Herkunft auf die Notenvergabe und auf die Empfehlungen für den Übergang auf die weiterführenden Schulen. Die Handlungslogiken des Bildungssystems befördern in Form von bewussten und unbewussten Routinen, Verordnungen, Benotungen und Lehrinhalten eine Selektion der Schüler nach Faktoren, die nur wenig mit ihrer individuellen Leistung zu tun haben. Die Benachteiligung im Bildungssystem wirkt sich gravierend auf die späteren Chancen im Arbeitsmarkt aus.

Menschen mit Migrationshintergrund sind deutlich häufiger von Arbeitslosigkeit, unsicheren Arbeitsverhältnissen und relativ geringem Einkommen betroffen. Langfristig resultiert dies in einem höheren Risiko, an (Alters-)Armut zu leiden. Häufig wird die gesellschaftliche Position wiederum an die nächste Generation vererbt, welche den gleichen diskriminierenden Selektionsmechanismen ausgesetzt ist. Zuletzt bestimmt auch der Aufenthaltsstatus über den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und Rechten und kann die Verwirklichungschancen der Betroffenen erheblich einschränken. Beispielsweise verfügen Menschen ohne Aufenthaltstitel oder die, die auf einen warten oder abschiebepflichtig sind, über einen sehr eingeschränkten oder gar keinen Zugang zu Sozialleistungen, Infrastrukturen und politischen Rechten.

Herkunft darf nicht über Schicksal Einzelner entscheiden

Die hierbei wirkenden gesellschaftlichen Diskriminierungsmechanismen sind kein Naturgesetz, sondern Ergebnis asymmetrischer Machtkonstellationen und Unterdrückung. Gesetze, Praktiken und Institutionen sollten, anstatt die ungleiche Behandlung von Migrantinnen und Migranten zu fördern, sicherstellen, dass Umstände wie Geschlecht, Familieneinkommen oder Herkunft nicht über das Schicksal des Einzelnen entscheiden. Um allen Menschen die gleichen Chancen zu bieten, müssen die Rahmenbedingungen der Bildungs- und Arbeitsmarktstrukturen für Migrantinnen und Migranten verbessert werden, beispielsweise über eine verbesserte Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen.

Menschen mit Migrationshintergrund leisten bereits Widerstand, indem sie sich selbstständig organisieren und sich aktiv in Politik, Wirtschaft und Ehrenamt für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft einsetzen. Aber auch die Mehrheitsgesellschaft sollte sich ihrer Verantwortung bewusst werden und  eine Kultur der Anerkennung und der Solidarität schaffen, die die alltägliche Gedankenstruktur von „Wir“ gegen „den/die Fremde(n)“ aufbrechen kann. Dabei bildet die aktuelle Situation die ideale Chance, eine gerechtere und vielfältige Gesellschaft zu gestalten, in der Herkunft und Schicksal nicht mehr unwiderruflich aneinander gekoppelt sind.

Lesen Sie hier den gesamten Aufsatz „Armut von Migrantinnen und Migranten in Deutschland“.


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