28.03.2019

Warum Armut (oft) weiblich ist

Armut ist so komplex, wie die Lebensverhältnisse der Menschen selbst. Doch Armut hat vor allem viele Frauengesichter. Ausgehend vom Zugang zu Bildung und Ausbildung bis hin zum Verdienst: Frauen werden in allen Bereichen benachteiligt.

Von: Dr. Gisela Notz
Armut ist oft weiblich

Armut ist oft weiblich

Das soziale Sicherungssystem der Bundesrepublik Deutschland ist ein Netz mit großen Maschen. Besonders viele Frauen stehen genau da, wo das Netz ein Loch hat. Die Verknappung von existenzsichernden Arbeitsplätzen und die Tatsache, dass Arbeitsmarkt-, Familien- und Sozialpolitik an einem Familienmodell orientiert sind, das immer noch für Männer die Haupternährerrolle und für Frauen die Rolle der „Zuverdienerin“ vorsieht, führt zu gnadenloser Konkurrenz um verbleibende Arbeitsplätze. Dieser Konkurrenzkampf verdrängt Frauen aus dem regulären Arbeitsmarkt in prekäre oder unbezahlte Beschäftigungsverhältnisse.

Im Jahr 2015 galt jeder siebte Mensch als arm. In der gesamten Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland fielen 15,7 Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze. Es zeigen sich aber große regionale Disparitäten: Während in den westlichen Bundesländern „nur“ 14,7 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen sind, sind es in den östlichen sogar 19, 7 Prozent. Als von Armut bedroht gilt nach dieser Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Für einen Single waren das 2015 ungefähr 942 Euro monatlich. Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland immer weiter auseinander. Das zeigt der fünfte Armuts und Reichtumsbericht der Bundesregierung. In keinem Land Europas ist der Reichtum so ungleich verteilt wie in Deutschland. Da die Statistiken in Deutschland vom Haushaltsansatz ausgehen, wissen wir nicht, wie das Vermögen zwischen Frauen und Männern tatsächlich verteilt ist.

Armut hat viele Gesichter

Armut ist so komplex, wie die Lebensverhältnisse der Menschen selbst. Armut hat viele Frauengesichter, vor allem, weil sich das Recht auf eigenständige Existenzsicherung für Frauen in Deutschland noch nicht wirklich durchgesetzt hat. Das in Deutschland verwendete Haushaltskonzept macht in der Regel Frauen zu Anhängseln von Männern. Es wird angenommen, dass Haushalt und Familie einheitliche Gebilde darstellen, in denen Menschen zusammen wirtschaften und die für alle Familienmitglieder gleiche Lebenschancen ermöglichen. Das Ehegattensplitting oder die durch Hartz IV eingeführten Bedarfsgemeinschaften manifestieren die Abhängigkeit vom Familienernährer.

Frauen werden arm, weil sie zu Bildung und Ausbildung einen schlechteren Zugang haben

Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen hängt nach wie vor stark von ihrem sozioökonomischen Hintergrund ab. Arme Kinder nehmen weniger an Bildungsangeboten teil, gehen nicht zu gleichen Anteilen auf weiterführende Schulen und zum Studium und sind seltener in Freizeitinitiativen zu finden, denn alles kostet Geld. Die Selbstverständlichkeit der geschlechtsspezifischen Unterschiede führt dazu, dass Jungen eher auf eine verantwortliche Berufstätigkeit und Mädchen auf ihre Doppelrolle in Beruf und Familie vorbereitete werden. Mittlerweile hat fast jeder dritte Mann aber nur jede vierte Frau einen hohen Bildungsabschluss, also ein Studium oder eine Berufsausbildung absolviert.

Frauen werden arm, weil sie erwerbslos sind

Im Jahr 2015 waren 6,2 Prozent der registrierten Frauen und 6,6 Prozent der Männer erwerbslos. Die Zahl der Langzeiterwerbslosen ist bei den Frauen jedoch höher als bei Männern. Der Anteil der erwerbslosen Frauen, die Arbeitslosengeld (ALG) II beziehen, ist gegenüber den Vorjahren angestiegen, obwohl viele Frauen kein ALG II erhalten, weil die finanziellen Leistungen auf Bedarfsgemeinschaften ausgerichtet sind. Frauen sind häufiger als Männer in der Mitte ihres Erwerbslebens ohne bezahlte Arbeit. Immer noch gibt es zu wenig Kinderbetreuung um die Rückkehr zu erleichtern.

Frauen werden arm, weil sie in prekären Arbeitsverhältnissen arbeiten

Nicht existenzsichernde Teilzeitarbeit und Mini-Jobs sind noch immer Frauendomänen und nicht alleine, weil die Haus- und Sorgearbeiten von ihnen übernommen werden. Zwei Drittel der ausschließlich geringfügig Beschäftigten sind Frauen. Das bedeutet Abhängigkeit vom Haupternährer oder vom Staat und Altersarmut. Verstärkt gilt das für die mithelfenden Familienangehörigen in Landwirtschaft und Handwerk. Eine Zunahme der Working Poor ist die Folge.

Frauen werden arm, weil sie mehr unbezahlte Arbeit leisten

Kindererziehungszeiten sind Armutsfallen. Dasselbe gilt für die Versorgung und Pflege für Familienangehörige, die sich nicht, nicht mehr oder vorübergehend nicht selbst versorgen oder pflegen können. Pflegende Familienangehörige sparen dem Staat Geld: 90 Prozent sind Frauen. Diese Frauen erhalten überhaupt keinen Lohn, sieht man von völlig unzureichenden und für die meisten Männer unattraktiven Entgelten wie Elterngeld und Pflegegeld ab. Die Altersarmut der pflegenden Person ist vorprogrammiert. Das gilt auch für die ehrenamtlich arbeitenden Frauen im Sozial- und Gesundheitsbereich. Die Übergänge zwischen ehrenamtlichen und geringfügigen Arbeitsverhältnissen werden durch Freiwilligendienste im Niedrigstlohnsektor immer fließender.

Frauen werden arm, weil sie weniger verdienen als Männer

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen, dass die Lohnlücke, auch „gender pay gap“ genannt, in Deutschland gemessen am Durchschnittsbruttostundenlohn im Jahr 2015 immer noch 21 Prozent betrug. Dort, wo Frauen einer Lohnarbeit nachgehen, verdienen sie in Deutschland selbst auf gut bezahlten Arbeitsplätzen weniger als Männer, die in vergleichbaren Positionen beschäftigt sind. Selbst viele in Vollzeit arbeitende Frauen können von ihrem Lohn nicht leben und sind ebenfalls im Alter arm.

Frauen werden arm, weil sie nicht in einer Normalfamilie leben

Obwohl Menschen heute angeblich aus einer Vielzahl von Lebensformen wählen können, führt ein Abweichen von der Normalbiographie, zu der Ehe und festgelegte Geschlechtsrollen gehören, oft zu Armut. Geschiedene und alleinlebende Frauen sind weit eher von Armut betroffen als Frauen, die mit Ehemann und Kindern leben und haben auch im Alter keine besseren Aussichten. Alleinerziehende wehren sich mit Recht dagegen, per se als arme Frauen zu gelten. Viele haben diese Lebensform selbst gewählt. Dennoch kann nicht übersehen werden, dass immer mehr Menschen ALG II beziehen und gleichzeitig das Armutsrisiko stetig steigt, während das bei Paarfamilien gesunken ist.

Frauen werden arm, weil sie als Fremde oder Andere angesehen werden

Herkunft, Name oder Hautfarbe eines Menschen entscheiden in unserer Gesellschaft immer noch oft über sein Schicksal. Bereits beim Besuch einer weiterführenden Schule spielt neben dem Geschlecht und der sozialen Herkunft der Migrationshintergrund eine entscheidende Rolle. Das führt zu deutlich schlechteren Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Frauen mit Beeinträchtigungen, Frauen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete sind weitaus häufiger von Armut bedroht. Die Tatsache, dass es in Deutschland nicht gelingt, die Abhängigkeit von sozialer Herkunft vom Bildungserfolg zu entkoppeln, trifft Migrantinnen besonders. Arm und ausgegrenzt sind wohnungslose Frauen, deren Zahl ständig zunimmt. Die Anzahl ist schwer zu erheben, weil Frauen seltener auf der Straße leben, sondern versuchen, bei Freundinnen oder in neuen Zweckbeziehungen Unterschlupf zu finden, was oft neue Probleme mit sich bringt. Arm sind schließlich Frauen, die Gewalterfahrungen gemacht haben, misshandelte und geschlagene Frauen – ganz abgesehen von den Ärmsten der Armen, die in den Gefängnissen leben.

Frauen werden arm, weil das Rentensystem an ihrer Lebensrealität vorbeigeht

Die Benachteiligung im Erwerbsleben wird im sozialen Sicherungssystem fortgeschrieben: Eine ausreichende Absicherung im Alter, bei Krankheit und Erwerbslosigkeit ist nur bei durchgehender Vollzeiterwerbstätigkeit und bei durchschnittlichem Einkommen gewährleistet. Das geht an der Lebensrealität vieler Frauen vorbei. Die bereits jetzt eklatante Altersarmut von Frauen, wird in den nächsten Jahren durch die Ausbreitung von prekären Arbeitsverhältnissen noch zunehmen. Der Gender-Pension-Gap, also der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen in der Rente, liegt bekanntlich bei nahezu 60 Prozent.

Wie ist der Frauenarmut zu begegnen?

Für die Zukunft wird weder das Verteilen der Armensuppe reichen, noch wird es ausreichen, mangelnde Gerechtigkeit nur zu beklagen. Vielmehr ist es notwendig, der zunehmenden Ungerechtigkeit durch politisch forcierte, strukturelle Verbesserungen zu begegnen. Wenn die Zahl derjenigen größer wird, die arm trotz Arbeit sind, brauchen wir existenzsichernde Mindestlöhne für alle. Wenn Armut vor allem mit Erwerbslosigkeit und prekärer Arbeit zu tun hat, dann muss die gesellschaftlich notwendige – bezahlte und unbezahlte – Arbeit umverteilt werden. Ebenso ist es notwendig, eine Umverteilung des Reichtums zu erreichen. Mit einer gerechtigkeitsfördernden Steuerpolitik müssen Vermögende sowie Unternehmen und die Bezieher hoher Einkommen stärker an der Finanzierung beteiligt werden. Wenn Armut mit dem Abweichen von der sogenannten Normalfamilie zu tun hat, wird es notwendig, dass alle Lebensformen gleiches Recht und gleiche Existenzbedingungen genießen.


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