04.03.2016

Überschuldet, arm und krank

Überschuldung kann sowohl Ursache als auch Folge von Armut sein. Sie tritt oft als Begleit- oder Folgeerscheinung von Scheidung, Arbeitslosigkeit, Erkrankung oder Tod des Partners auf. Und die Schuldnerberatungsstellen sind völlig überlastet.

Von: Mara Dehmer
Überschuldung kann sowohl Ursache als auch Folge von Armut sein. Fotolia/Gina Sanders

Überschuldung kann sowohl Ursache als auch Folge von Armut sein. Fotolia/Gina Sanders

Die Lebenssituation „Überschuldung“ ist sehr vielfältig und kann keineswegs allein durch sogenanntes unwirtschaftliches Verhalten begründet werden. Das zeigen drei Beispiele aus der Praxis: Frau S. hat für ihren Ex-Partner eine Bürgschaft übernommen und stottert diese nun in Raten ab. Ihr Ex-Partner ist längst finanziell gescheitert. Aus Scham spricht sie mit niemandem in der Familie oder im Freundeskreis über ihre Situation, verzichtet lieber auf den Vereinsabend, isst am Monatsende weniger und schiebt den Gang zur Schuldnerberatung seit Jahren  auf.

Oder Familie H., die ihr Familieneinkommen mit ALG II aufstocken und damit zwar gerade so über die Runden kommen, jedoch aufgrund von monatlichen Einkommensänderungen durch Nachtzuschläge oder Sonderschichten regelmäßig mit Rückforderungen des Jobcenters konfrontiert sind. Zu den Mietschulden, die regelmäßig gegenüber dem Vermieter entstehen, kommen dann abzuzahlende Darlehen des Jobcenters. Frau H. raubt diese Situation regelmäßig den Schlaf, die Briefe des Jobcenters bereiten ihr Magenschmerzen und sie hat Angst, ihren Sohn durch einen Umzug aus seiner gewohnten Umgebung zu reißen. Oder Herr K., der seine Arbeitszeit reduziert hat, um seine chronisch-kranke Frau pflegen zu können – und nun die laufenden Kredite nicht mehr bedienen kann.

Überschuldung – in Abgrenzung zur Verschuldung – beschreibt einen Zustand, in dem trotz Reduzierung der Ausgaben laufende und zukünftige Verpflichtungen nicht mehr bedient werden können. Wie die Beispiele zeigen, kann Überschuldung sowohl Ursache als auch Folge von Armut sein beziehungsweise zur Verschärfung von Armutssituationen beitragen. So individuell die Biografien und unterschiedlich die Lebenssituationen auch sind, Überschuldung tritt für die meisten Betroffenen als Begleit- und Folgeerscheinung von nur begrenzt selbst steuerbaren Herausforderungen des Lebens auf. Die drei Hauptursachen für Überschuldung sind: Arbeitslosigkeit, Trennung/ Scheidung/ Tod des Partners und Erkrankung/ Sucht/ Unfall. 

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts leben mehr als 60 Prozent der überschuldeten alleinlebenden Personen von einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 900 Euro – und damit unterhalb der Armutsschwelle. Auch in größeren Haushalten stellt sich die Situation nicht anders dar. Arbeitslose Menschen sind besonders häufig arm – und besonders häufig überschuldet. Aber auch Haushalte mit Niedrigeinkommen sind überproportional häufig überschuldet und die mit niedrigen Renten einhergehende Einkommensarmut betrifft die Gruppe der über 65jährigen immer häufiger.

Überschuldung im Sozialsystem

Banken sind und bleiben dabei die Hauptgläubiger, aber auch die öffentliche Hand nimmt eine bedeutende Rolle ein. Genannt seien hier beispielsweise die Beitragsschulden in der Krankenversicherung, die alles andere als eine Ausnahmeerscheinung sind, oder die Schulden, die sich aus den Leistungseinschränkungen in der Grundsicherung beziehungsweise der Sozialhilfe beim Jobcenter ergeben.

Überschuldung und Armut gehen häufig miteinander einher, oft noch gepaart mit physischen und psychischen Erkrankungen und der Belastung familiärer und freundschaftlicher Beziehungen. Überschuldung ist keine Petitesse – nach aktuellen Zahlen des SchuldnerAtlas der Creditreform ist jede/r Zehnte über 18 Jahren in Deutschland verschuldet. Die Lebenssituation „Überschuldung“ ist eine komplexe Problemlage. Eine Unterstützung und nachhaltige Stabilisierung ist nur möglich, wenn Schuldnerinnen und Schuldner ganzheitliche Angebote wie im Rahmen der sozialen Schuldnerberatung bekommen können. Neben finanzieller Beratung werden hier psychosoziale und gesundheitliche Aspekte in den Blick genommen.

Doch die Schuldnerberatungsstellen sind völlig überlastet. In Berlin müssen Überschuldete derzeit sechs Monate auf einen Beratungstermin warten. Menschen brauchen Unterstützung, wenn sie in Not geraten. Sie brauchen einen Rechtsanspruch auf ausreichende, niedrigschwellige und offene Beratungsangebote.

Lesen Sie hier den gesamten Aufsatz "Überschuldung als Ursache, Folge und Verschärfung von Armut".


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