03.04.2019

Soziale Ungleichheit: Herausforderung der Wohlfahrtspflege in der Zukunft

Grundvoraussetzung für ein positives Verständnis von Ungleichheit ist ihre Freiwilligkeit. Ungleichheit und Vielfalt müssen das Ergebnis freier Entscheidungen freier Menschen sein. Ist dem nicht so, wird Ungleichheit aufoktroyiert, führt sie zu Spaltung und Erstarrung.

Von: Dr. Ulrich Schneider, Der Paritätische Gesamtverband
Ungleichheit in der Gesellschaft Foto: ptrabattoni/pixabay

Ungleichheit in der Gesellschaft Foto: ptrabattoni/pixabay

Ungleichheit und Freiwilligkeit

Das Wort »Ungleichheit« hat eine eher negative Konnotation. Weshalb soll Ungleichheit eine Herausforderung darstellen? Ungleichheit ist erst einmal etwas Schönes. Sie ist gut und sie ist wesentlich für eine dynamische Gesellschaft. Ungleichheit im Sinne von Verschiedenheit ist die Voraussetzung für Lebendigkeit und für Vielfalt. Sie ist ein Motor für Bewegung. Sie ist eine Kraftquelle. Dies schließt auch soziale Ungleichheit durchaus mit ein. Es ist die Frage, wie und wo ich wohne, mit wem ich mich umgebe, aber auch, über welche Ressourcen ich verfüge, oder – einfach: wie ich lebe. Grundvoraussetzung für ein solch positives Verständnis von Ungleichheit ist jedoch ihre Freiwilligkeit. Ungleichheit und Vielfalt müssen das Ergebnis freier Entscheidungen freier Menschen sein. Es geht letztlich um die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.

Um bei der für unser Thema wichtigen Frage der Ressource zu bleiben: Wenn jemand denkt, er müsse unter Hintanstellung von fast allem anderen sein Glück darin suchen, Besitztümer anzuhäufen, mag dies aus psychologischer Sicht bedenklich sein, doch ist es, sofern dies einer freien Entscheidung entspringt, erst einmal genauso legitim wie die freie Entscheidung für ein ausgeglichenes Leben bei nur sehr überschaubarem Besitz. Entscheidend ist: Ungleichheit - soll sie positiv besetzt sein -  darf nicht das vornehmliche Ergebnis von Herkunft und zugeteilten oder eben nicht zugeteilten Privilegien sein. Wo Ungleichheit aufoktroyiert ist, wo sie auf quasi hoheitlicher Zuteilung von Ressourcen und Privilegien beruht, wird sie für die Unterprivilegierten zur Diskriminierung in des Wortes doppelter Bedeutung: als Benachteiligung und als Herabwürdigung. Sie sorgt dann nicht mehr für produktive Vielfalt in einer Gesellschaft, sondern führt zu Spaltung und Erstarrung.

Ungleichheit und notwendige Diskriminierung

Benachteiligung und Herabwürdigung sind ein Geschwisterpaar, gehen notwendigerweise immer Hand in Hand. Denn Ungleichheit in Form der Benachteiligung braucht in einer Gesellschaft, die sich als aufgeklärt verstanden wissen will, immer ihre besondere Legitimation. Dem Ideal der Aufklärung folgend, sind alle Menschen ihresgleichen, »niemandes Herren, niemandes Knecht«; wahlweise auch alle »Gottes Ebenbild« – je nach Fasson. Jeder und jede sind gleich an Würde und gleich an Recht. Die ungleiche Zuteilung ungleicher Privilegien steht dem grundsätzlich entgegen, wird dem nicht gerecht und kann deshalb nicht gerecht sein. Es liegt daher nahe, zur Rechtfertigung extremer Ungleichheit dem Unterprivilegierten schlicht seine Gleichwürdigkeit abzusprechen. Dies ist der eigentliche Grund, weshalb Privilegierte sich stets bemühen, die von ihnen Diskriminierten zugleich zu diffamieren.

Es war daher keinesfalls ein zufälliges Zusammenspiel, dass die Agenda-Politik nach der Jahrtausendwende, die vor allem durch eine neoliberale Ressourcenumverteilung von unten nach oben gekennzeichnet war – von steuerlichen Privilegien für die Reichen einerseits und von massiven Leistungskürzungen für die Armen anderseits –, begleitet wurde durch ein bis dahin in dieser Form kaum gekanntes öffentliches Bashing der Armen und der Arbeitslosen.1 Sie waren die Faulen, die nicht arbeiten wollen, die es sich auf Kosten der Fleißigen in einer Hängematte bequem machten, die moralisch Fragwürdigen, die die Fleißigen ausbeuteten. Von oben herab wurden Sozialneiddebatten geschürt, um die Mehrheit der Nichtarmen gegen die Armen aufzubringen, deren Gleichwürdigkeit und Respektabilität in Frage gestellt wurde. »Es gibt kein Recht auf Faulheit«, donnerte Agenda-Kanzler Schröder ins Land. Das war schon deutlich mehr als ein entwürdigender Generalverdacht gegenüber allen Nicht-Erwerbstätigen, der da ausgerufen wurde. Es war die geforderte Diffamierung der Armen.

Es ist vor diesem Hintergrund auch kein Zufall, dass Hartz IV in jedem einzelnen Absatz dieses Gesetzes von tiefer Misanthropie geprägt ist. Der Arme muss kontrolliert werden, er muss gezwungen werden und er muss sanktioniert werden. Dabei ging und geht es weniger darum, irgendwelchen praktischen Anforderungen eines Fürsorgesystems gerecht zu werden – die Zahl der Sanktionierten liegt ohnehin nur bei rund drei Prozent. Es ging und geht vor allem darum, das negative und herabwürdigende Bild vom Armen zu bedienen und aufrechtzuerhalten, das zur Legitimation ungerechtfertigter Privilegien der Reichen so wichtig ist.

Ungleichheit und Armut

Faktisch hat die soziale Ungleichheit in Deutschland in einem Maße zugenommen, dass am unteren Ende von echter Ausgrenzung und Armut von Millionen Menschen gesprochen werden muss.2 Es sind mittlerweile 16,8 Prozent, die dem letzten Armutsbericht des Paritätischen folgend, in Deutschland unter die Armutsgrenze fallen. Es sind über 13,7 Mio. Menschen. Die meisten von ihnen, ein Drittel nämlich, sind erwerbstätig. Ein Viertel sind Rentnerinnen und Rentner und nur die wenigsten, nämlich nur jeder Fünfte unter den volljährigen Armen, ist tatsächlich arbeitslos. Es sind Menschen, die über ein nur so geringes Einkommen verfügen, dass sie schlicht nicht mehr mithalten können in dieser Gesellschaft, in der ohne Geld fast gar nichts geht. Wenn immer wieder ganz allgemein von fehlender Teilhabe gesprochen wird, so sind es dann beispielsweise ganz konkret der Sportverein, in dem man nicht Mitglied werden kann, der Musikunterricht, den man nicht nehmen kann, der fast völlige Ausschluss von kulturellen Veranstaltungen, die Tatsache, sich auf einem Ausflug mit den Kindern nicht einmal einen Imbiss oder ein Eis leisten zu können. Es ist tatsächlicher Ausschluss, wenn bei Klassenfahrten und Ausflügen angeblich immer die gleichen Kinder krank werden. Es sind die Kinder aus denjenigen Familien nämlich, die sich derartige Normalität nicht leisten können. Es fällt auf, wenn beim Abiball eine ganze Reihe von Familien einfach nicht erscheint, und es wird sehr hart, wenn einzelne Kinder in der Schulklasse den mittlerweile notwendigen Laptop nicht besitzen.3 Es ist Ausschluss und es ist die Verweigerung von Aufstiegschancen. Es ist eine Dimension von Ungleichheit in Deutschland, in der sich bereits von Parallelwelten sprechen lässt: die Privilegierten auf der einen Seite, die mit den Unterprivilegierten auf der anderen Seite schlicht nichts mehr zu tun haben.

Ungleichheit und Wohlfahrtspflege

Wie immer man Wohlfahrtspflege definieren mag: Im Kern muss es ihr immer darum gehen, dem Wesen des Menschen gerecht zu werden. Das sind wir seiner Würde schuldig. Aus keinem geringeren Grund sollte das Maß sozialer Ungleichheit, das wir in Deutschland erleben, nicht nur für die Politik, sondern auch für die Wohlfahrtspflege eine der ganz großen Herausforderungen darstellen. Der Mensch ist nicht der von den Neoliberalen propagierte homo oeconomicus, der Einzelgänger, der lediglich seinen individuellen Vorteil sucht. Der Mensch ist geprägt durch ein tiefes Bedürfnis, dazuzugehören, einen festen Platz einzunehmen, respektiert zu werden. Dafür tut er fast alles. Er ist darüber hinaus geprägt durch das tiefe Bedürfnis zu gestalten und damit seine Lebenssituation, sein Leben nach Möglichkeit zu kontrollieren und Orientierung zu haben. Armut ist das Gegenteil von alledem. Armut heißt nicht nur ausgeschlossen zu sein, sondern auch ganz subjektiv das Gefühl zu bekommen, nicht (mehr) dazuzugehören. Arme, auch das zeigt der neue Armutsbericht des Paritätischen, haben sehr häufig das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben verloren zu haben, Armut ist voller Sorgen, voller Kummer und voller Angst. Arm heißt fremdbestimmt und abhängig zu sein.4 Eine Wohlfahrtspflege, die sich dagegen der Natur des homo sozialis verpflichtet fühlt, kann gar nicht anders, als das Maß der Ungleichheit in Deutschland als Herausforderung zu begreifen, der sozialarbeiterisch, aber auch politisch begegnet werden muss. Der doppelte Auftrag, auf den sich soziale Arbeit vor der neoliberalen Wende Anfang der 1990er in Theorie und Praxis bei aller Widersprüchlichkeit und Konflikthaftigkeit berief - nämlich sowohl den Einzelnen in den Blick zu nehmen als auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sozialer Arbeit - und der dann erst einmal mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten schien, hat seit der Jahrtausendwende mit all den sozialen Verwerfungen wieder zunehmend an Relevanz gewonnen. Die Wohlfahrtspflege wird diesem Mandat nur gerecht werden, wenn sie ohne Umschweife Stellung bezieht, sich auf die Seite der Armen stellt, Interessengegensätze in dieser Gesellschaft klar benennt und politisch für mehr Gleichheit in diesem Lande streitet.5

Anmerkungen

1 Vgl. Ulrich Schneider (2019) Working poor: Armut jenseits der Sanktionen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 1/2019 S. 9–12

2 Vgl. Andreas Aust u.a. (2018) Wer die Armen sind. Der Paritätische Armutsbericht 2018. Hg.: Der Paritätische Gesamtverband. Berlin 2018 S. 27 ff.

3 Vgl. dazu ausführlich Ulrich Schneider (2015) Armut kann man nicht skandalisieren. Armut ist der Skandal. In: Ulrich Schneider Hg. (2015) Kampf um die Armut. Von echten Nöten und neoliberalen Mythen. Frankfurt am Main: Westend-Verlag, S. 12 ff.

4 Vgl. Andreas Aust u.a.: a.a.O., S. 41 ff.

5 Vgl. hierzu ausführlich Ulrich Schneider (2014) Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main: Westend-Verlag


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