26.02.2016

Reiches Deutschland – Arme Kinder

Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Ungeachtet dessen wachsen Millionen Kinder und Jugendliche in Armut auf. Mit gravierenden Folgen für ihren Bildungserfolg, die gesundheitliche Entwicklung und die sozialen Teilhabechancen.

Von: Marion von zur Gathen und Jana Liebert
In Deutschland leben gegenwärtig 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche in Armut. Fotolia/Roman Bodnarchuk

In Deutschland leben gegenwärtig 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche in Armut. Fotolia/Roman Bodnarchuk

Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, ohne Armut aufzuwachsen. Maßstab hierfür ist die Ratifizierung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Und doch leben in Deutschland gegenwärtig 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche  in Armut. Angesichts der aktuellen Flüchtlingszahlen ist zu befürchten, dass diese Zahl noch steigen wird.

Gemäß Artikel 27 UN-KRK hat jedes Kind ein Recht auf einen seiner körperlichen, geistigen, seelischen, sittlichen und sozialen Entwicklung angemessenen Lebensstandard. Zwar ist es in erster Linie die Aufgabe der Eltern, hierfür die finanziellen Möglichkeiten zu schaffen, jedoch müssen die Vertragsstaaten entsprechende Maßnahmen unternehmen, um die Eltern bei materieller Bedürftigkeit entsprechend zu unterstützen. Denn auffallend ist, dass es in unserer Gesellschaft fast unmöglich ist, unabhängig vom Einkommen Verwirklichungschancen zu realisieren.

Armut grenzt Kinder aus

Das zeigt sich besonders bei der Schulbildung. Mehr als viermal so viele Kinder aus Familien mit einem hohen sozioökonomischen Hintergrund nennen im Vergleich zu Kindern mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund das „Abitur“ als angestrebten Bildungsabschluss (vgl. Andresen/Hurrelmann: Wie gerecht ist unsere Welt?, 2013). Mit der Wahl der Schulform verbinden sich bestimmte Bildungswege und Einkommenserwartungen. Ein Scheitern im Schulsystem hat oft einen faktischen Ausschluss von normalen Arbeitsverhältnissen zur Folge – eine Existenzsicherung unabhängig von Transferleistungen und Armutslagen wird damit unmöglich.

Auch die Zugänge zu sozialer und kultureller Teilhabe, wie dem Sportverein oder der Musikschule, sind von den zur Verfügung stehenden finanziellen Möglichkeiten der Eltern geprägt. Kinder aus benachteiligten Familien nehmen seltener an Freizeitaktivitäten teil als Kinder aus Familien, die finanziell besser gestellt sind (vgl. 4. Armuts- und Reichtumsbericht 2014). Das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket, das Kindern und Jugendlichen diese Zugänge schaffen soll, erreicht dieses Ziel nicht. Die Voraussetzungen zur Inanspruchnahme des Pakets sind vielerorts sehr kompliziert und die Höhe reicht bei weitem nicht aus.

Armut macht Kinder krank

Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem Sozialstatus sind aufgrund der Kosten für bestimmte Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel in einem Verein seltener sportlich aktiv als gleichaltrige Kinder und Jugendliche mit höherem sozialen Status. Der Mangel an körperlicher Bewegung in Verbindung mit einer schlechteren Ernährung (zum Beispiel weil das Geld für gesunde Lebensmittel fehlt) sowie die Tatsache, dass ärmere Kinder häufig in Wohngegenden mit großem Verkehrsaufkommen und damit hoher Schadstoffbelastung leben, haben gesundheitliche Folgen für Kinder und Jugendliche.

Im Ergebnis zeigt sich: Das Risiko für einen nur mittelmäßigen bis sehr schlechten allgemeinen Gesundheitszustand ist bei Jungen und Mädchen mit niedrigem sozioökonomischen Status um das 3- bis 4-Fache erhöht im Vergleich zu Kindern mit hohem sozioökonomischen Status (vgl. Robert Koch-Institut: KiGGS – Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, 2013).

Strategie in Bekämpfung von Armut nicht ohne die Kinder

Eines wird ganz klar deutlich: Es braucht dringend eine Verständigung aller gesellschaftlichen Akteure und Gruppen über eine nachhaltige Strategie in der Bekämpfung von Armut in Deutschland. Bei dieser Strategie sind alle Dimensionen von Armut in den Blick zu nehmen und deren Auswirkungen auf die Teilhabe und Verwirklichungschancen von Kindern und Jugendlichen zu betrachten.  Dies darf aber nicht über deren Köpfen hinweg geschehen.

Kinder und Jugendliche haben nach der UN-KRK ein Recht auf Partizipation und Beteiligung (Artikel 12) in allen sie betreffenden Entscheidungen. Daher ist es besonders wichtig, dass Kinder und Jugendliche bei der Ausgestaltung ihres familiären und sozialen Alltags mitwirken und mitbestimmen können. Denn Partizipation heißt, Kinder ernst zu nehmen. Ihnen Beteiligung zu ermöglichen und damit Selbstwirksamkeit aktiv zu fördern. Das ist umso bedeutender, wenn diese Kinder und Jugendlichen in Armut aufwachsen.

 

Lesen Sie hier den gesamten Aufsatz „Auswirkungen von Armut auf die Lebenswirklichkeit und Entwicklung von Kinder und Jugendlichen“.


Kommentare (1)

  1. gerd gladow
    gerd gladow am 04.03.2016
    Es gibt keine armen Kinder, es gibt fast immer nur arme Familien

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