15.06.2017

„Psychisch krank“ – eine Abwärtsspirale in die Armut?

Mit einer psychischen Erkrankung geht oft eine Erosion von sozialen und personellen Netzwerken einher; eine Abwärtsspirale in die Armut setzt ein. Gerade bei psychisch kranken Menschen gilt das Diktum Leonardo Boff’s: „Arm ist man nicht, arm wird man gemacht.“

Von: Josef Schädle und Sabine Bösing

Eine anhaltende psychische Erkrankung hat oft weitreichende Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der betroffenen Menschen. Dazu gehören gravierende Einschränkungen in der Lebensgestaltung durch fehlende finanzielle Ressourcen, aber auch die Ausgrenzung vom gesellschaftlichen Leben. Mit einer psychischen Erkrankung geht oft eine Erosion von sozialen und personellen Netzwerken einher; eine Abwärtsspirale in die Armut setzt ein. In diesem Beitrag liegt der Schwerpunkt auf Armut als mangelnde Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Gerade bei psychisch kranken Menschen gilt das Diktum Leonardo Boff’s: „Arm ist man nicht, arm wird man gemacht.“[1]

Armut hat viele Facetten, neben den sozioökonomischen Aspekten stellt die mangelnde Teilhabe am gesellschaftlichen und am Arbeitsleben eine weitere wichtige Facette dar. Diese doppelte Teilhabe ist Kern unserer Kultur: „Gemeinsam mit anderen etwas schaffen.“ Dieses Miteinander ist das Lebenselixier des Sozialen, der Motor, die wesentliche Spielregel und der Kitt unserer Gesellschaft. Eine Exklusion schließt nicht nur aus, sie macht die Ausgeschlossenen arm – arm an Kontakten, arm an Entwicklungsmöglichkeiten, arm an Anerkennung. Aber nicht nur die Betroffenen leiden. Auch die Gesellschaft schöpft ihre Potentiale nicht aus. Das „Anders-Sein“ ist für die soziale und kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft von hoher Bedeutung. Die besonderen Fähigkeiten von Menschen mit Asperger-Syndrom sind nur ein Beispiel dafür. Vor allem im künstlerischen Bereich sind Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen von Bedeutung – ohne die Kreativität von „Anderen“, von Außenseitern und Exzentrikern wäre die Welt bedeutend ärmer.

Deshalb muss die gesellschaftliche Sensibilisierung für psychische Erkrankungen mit geeigneten Maßnahmen und möglichst früh verstärkt und damit die Entstigmatisierung der Betroffenen gefördert werden. Um soziale Teilhabe zu ermöglichen, braucht es gesellschaftliche Akzeptanz von psychischen Erkrankungen.

In der Realität sind Menschen mit psychischen Erkrankungen aber oft mehrfachen Diskriminierungen ausgesetzt. Aufgrund ihrer Erkrankung erhalten viele Transferleistungen, was dazu führt, dass die Wahl des Wohnorts, die kulturelle und soziale Teilhabe stark beschränkt ist. Langfristig führt das zu einem erheblichen Verlust an Selbstvertrauen. Eine Sensibilisierung aller, die in den entscheidenden Behörden tätig sind, kann dazu beitragen, den Leistungsbeziehern personenzentriert und mit entsprechender Wertschätzung zu begegnen.

Die Barrieren von Menschen mit psychischen Erkrankungen werden oftmals nicht erkannt bzw. unterscheiden sich von denen, die Menschen mit anderen Einschränkungen erleben. Um Teilhabe zu ermöglichen und Behinderung im Sinne der UN-BRK zu verhindern, muss der Wissenstand über die vorhandenen Barrieren verbessert und entsprechende Maßnahmen zur Beseitigung vorgenommen werden. Am Beispiel krankheitsbedingter Barrieren soll dies exemplarisch verdeutlicht werden: Phasenweise auftretende Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug führen dazu, dass Anträge beispielsweise nicht rechtzeitig gestellt werden und damit die den Betroffenen zustehenden und notwendigen Leistungen nicht in Anspruch genommen werden können. Damit erhöht sich der Druck auf die Einzelnen und die Spirale in die Armut dreht sich weiter.

Von zentraler Bedeutung ist, dass die UN-Behindertenrechtskonvention mit Leben gefüllt wird; inklusive Prozesse müssen selbstverständlich sein. Dies erfordert eine Begegnung auf Augenhöhe und eine Haltung der „Gleichwürdigkeit“, die zu einem veränderten und ressourcenorientierten Umgang mit psychisch erkrankten Menschen führen kann, um die tatsächliche Teilhabe zu ermöglichen und Armut zu verringern.


[1] Boff, Leonard; Frankfurter Rundschau vom 28.12.2016

 


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