24.02.2016

Armutsbericht 2016: So ist die Armut in Deutschland verteilt

Die Armut in Deutschland ist 2014 leicht gesunken ist, bleibt aber auf hohem Niveau - trotz guter Wirtschaftsentwicklung. Wir haben die wichtigsten Zahlen und Risikogruppen für Sie zusammengefasst.

Von: Christian Woltering

Der Armutsbericht 2016

Ergebnisse des Mikrozensus 2014

Die Armutsquoten, mit denen im Armutsbericht gearbeitet wird, beruhen auf dem so genannten Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes. Dabei handelt es sich um eine groß angelegte jährliche Befragung von Haushalten in Deutschland. Der Mikrozensus kann als die valideste Datenquelle angesehen werden, wenn es um die Ermittlung von Armutsquoten in Deutschland geht. Er ist als einziger in der Lage, die Quoten relativ zeitnah zu bieten – aktuell für das Jahr 2014.

Bei der Berechnung der Armutsquoten werden dabei alle Personen gezählt, die in Haushalten leben, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt. Grundlage dieses Konzeptes ist die Annahme, dass das Einkommen die entscheidende „Schlüsselressource“ zu Teilhabe und Verwirklichungschancen in unserer Gesellschaft ist.

15,4 Prozent betrug die gesamtdeutsche Armutsquote im Jahr 2014. Gegenüber den 15,5 Prozent des Vorjahres ist es ein Rückgang um 0,1 Prozentpunkte bzw. um 0,7 Prozent. Der Aufwärtstrend der Armutsquote seit 2006 ist damit für 2014 erst einmal gestoppt. Ob er damit tatsächlich beendet ist oder ob wir gar am Beginn einer Trendumkehr stehen, werden die nächsten Jahre zeigen. Bezeichnend ist jedoch, dass sich, ähnlich wie in den Vorjahren, das gute Wirtschaftswachstum 2014 mit einem Anstieg von 1,6 Prozent des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts nicht in einer ebenso deutlich sinkenden Armut niedergeschlagen hat.

Dies ist ein Indiz dafür, dass es sich bei der Einkommensarmut in Deutschland weniger um ein wirtschaftliches als ganz offensichtlich um ein politisches Problem handelt. Wirtschaftliches Wachstum führt demnach keineswegs „automatisch“ zu einer armutsverhindernden Verteilung des Zugewinns. Hierzu passt, dass auch Armutsquoten, Arbeitslosenquoten und Hartz-IV-Quoten seit Jahren nicht mehr streng miteinander einhergehen. Während die Arbeitslosenquote rapide sinkt, steigt die Armut oder verharrt ihre Quote auf hohem Niveau. Wirtschaftliche Aufschwünge scheinen damit durchaus die gute Vermittlung gut vermittelbarer Arbeitskräfte zu unterstützen, erreichen jedoch nicht mehr die nach wie vor hohe Zahl der Langzeitarbeitslosen.

Rückgang der Armut in Bremen und Berlin

Allerdings lässt sich in Vergleich zu den Vorjahren feststellen, dass 2014 in gleich 9 Bundesländern die Quoten gesunken sind. Sehr signifikante Rückgänge zeigen Bremen (-0,5 Prozentpunkte), Brandenburg (-0,8 Prozentpunkte), Berlin (-1,4 Prozentpunkte), Hamburg (-1,3 Prozentpunkte) und Mecklenburg-Vorpommern (-2,3 Prozentpunkte). Besonders positiv ist zu werten, dass es damit vor allem die Länder mit den höchsten Armutsquoten – Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin – sind, die ihre Armut erstmalig wieder deutlich abbauen konnten, nachdem sie sich in den Jahren zuvor immer weiter vom „Mittelfeld“ abgesetzt hatten und Deutschland immer weiter auseinanderdriftete.

Dies darf freilich nicht übersehen lassen, dass der Abstand zwischen dem Land mit der geringsten Armut, Baden-Württemberg, mit 11,4 Prozent und dem abgeschlagenen Schlusslicht Bremen mit 24,1 Prozent noch immer außerordentlich groß ist.

Dass die Armutsquote in Gesamtdeutschland nicht weiter als um 0,1 Prozentpunkte sank, ist in erster Linie den großen Flächenländern Bayern und Nordrhein-Westfalen geschuldet, in denen zusammen über 30 Millionen Menschen, 37 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung, leben. War der Anstieg in Bayern von 11,3 auf 11,5 Prozent noch relativ moderat, stieg die Quote in Nordrhein-Westfalen völlig gegen den Bundestrend gleich um 0,4 Prozentpunkte von 17,1 auf 17,5 Prozent. Einen gleichen Anstieg wie NRW zeigen auch das Saarland (auf 17,5 %) und Sachsen-Anhalt (auf 21,3 %), doch fallen diese beiden Länder wegen ihrer relativ geringen Einwohnerzahl nicht so stark ins Gewicht.

Ruhrgebiet bleibt armutspolitische Problemregion

Nordrhein-Westfalen ist damit das Bundesland, das in der mehrjährigen Sicht die schlechteste Entwicklung zeigt. Seit 2006 nimmt die Armut fast ununterbrochen zu von 13,9 auf aktuelle 17,5 Prozent, was einem Anstieg um 26 Prozent entspricht. In keinem anderen Bundesland ist die Armut in diesem Zeitraum auch nur annähernd so stark angewachsen. Im gesamten Bundesgebiet betrug der Zuwachs 10 Prozent (von 14 auf 15,4 %). Regional stellt sich die Situation in dem großen Flächenland sehr unterschiedlich dar. Die Quoten spreizen zwischen 13,4 Prozent in Bonn bis 22 Prozent in der Region Dortmund. Ist der neuerliche Anstieg im Jahr 2014 auch Regionen wie Aachen (+ 1,8 Prozentpunkte), Arnsberg (+ 1,0 Prozentpunkte), Siegen (+ 1,5 Prozentpunkte) und vor allem Paderborn mit einem Plus von gleich 3,1 Prozentpunkten auf 17,3 Prozent geschuldet, so bleibt es doch das Ruhrgebiet mit seinen bekannten Strukturproblemen, das den Ausschlag für den langfristigen Negativtrend für Nordrhein-Westfalen gibt.

Erstmalig hat das Ruhrgebiet mit seinen über fünf Millionen Einwohnern die 20-Prozent-Marke erreicht. Jeder fünfte Einwohner dieses größten Ballungsraums Deutschlands muss zu den Armen gezählt werden – ein Wert wie in Berlin, nur dass dort „lediglich“ 3,5 Millionen Menschen leben. Seit 2006 ist die Armut um 27 Prozent gestiegen, von 15,8 auf zuletzt 20 Prozent. In der Region Duisburg/Essen ist die Quote im gleichen Zeitraum sogar um 33 Prozent gestiegen, von 14,5 Prozent auf 19,3 Prozent, was einem armutspolitischen Erdrutsch gleichkommt.

Die Hartz-IV-Quoten in der Region verstärken dieses Bild. Während sie zwischen 2006 und 2014 bundesweit von 11,4 auf 9,5 Prozent zurückgingen, blieben sie in Nordrhein-Westfalen mit 11,7 und 11,6 Prozent annähernd konstant und nahmen im Ruhrgebiet sogar von 15,7 auf 16,4 Prozent leicht zu. Gerade auch vor dem Hintergrund der guten Entwicklungen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen: Das Ruhrgebiet bleibt mit Blick auf seine Bevölkerungsdichte und die langfristigen Trends auch 2014 mehr denn je die armutspolitische Problemregion Nummer 1 in Deutschland.

Die Risikogruppen

Was die Soziodemografie der Armut anbelangt, sind die Ergebnisse des Mikrozensus seit Jahren nahezu unverändert. Sehr stark überproportional von Armut betroffen sind auch im Jahr 2014 wieder Alleinerziehende (41,9 %), Familien mit drei und mehr Kindern (24,6 %), Erwerbslose (57,6 %), Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau (30,8 %) sowie Ausländer (32,5 %) oder Menschen mit Migrationshintergrund (26,7 %). Erwerbslosigkeit ist damit für die überwiegende Zahl der Betroffenen und ihrer Familien mit Armut verbunden. Das Gleiche gilt für fast die Hälfte der Alleinerziehenden, die ebenfalls besonders stark von Arbeitslosigkeit oder nicht hinreichendem Erwerbseinkommen betroffen sind.

Diese außerordentlich hohen Werte decken sich mit der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, wonach 2014 38,4 Prozent aller Alleinerziehenden von Hartz IV leben mussten. Die Hartz-IV-Quote der Kinder ist deutlich höher als die der Erwachsenen. Während sie zwischen 2007 und 2012 relativ kontinuierlich von 16,8 auf 15,2 Prozent zurückging, ist sie seitdem wieder auf 15,4 Prozent angestiegen. Es sind derzeit 1,7 Millionen Kinder, die von Hartz IV leben müssen.

Der politisch wohl gravierendste statistische Befund zur Soziodemografie dürfte jedoch der sein, dass sich bei all den aufgezählten, besonders von Armut betroffenen Gruppen – von Erwerbslosen über Alleinerziehende bis hin zu Menschen mit Migrationshintergrund – im 9-Jahresvergleich mit 2005 so gut wie nichts bewegt hat, trotz jährlich neuer Zahlen, trotz alljährlich neuer politischer Diskussionen und Bekenntnisse zum gegebenen Handlungsbedarf. Ganz im Gegenteil: Die Armutsquote bei Alleinerziehenden, Menschen mit geringer Qualifikation und Erwerbslosen ist gegenüber 2005 sogar noch deutlich stärker gestiegen als die Armut insgesamt.

Alarmierende Entwicklung bei Rentnerinnen und Rentnern

Eine Gruppe fällt im längerfristigen Vergleich schließlich auf, die in den letzten Jahren fast gar nicht im Fokus stand: Es sind die Rentnerinnen und Rentner. Erstmalig lag ihre Armutsquote 2014 mit 15,6 Prozent über dem Bundesdurchschnitt und somit waren sie leicht überproportional von Armut betroffen. Dies allein müsste noch kein Anlass für besondere Aufmerksamkeit sein. Es ist die sich dahinter verbergende beispiellose Dynamik, die alarmieren muss. Die Armutsquote der Rentner liegt heute um 46 Prozent höher als 2005, als es noch 10,7 Prozent waren. Sie ist damit fast zehnmal so stark gewachsen wie die Gesamtquote.

Diese Dynamik findet sich auch in der Entwicklung der Zahlen derer, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind. Die Zahl der Bezieher von Altersgrundsicherung hat sich zwischen 2003 und 2014 mit einem Zuwachs von 99 Prozent praktisch verdoppelt. Die Grundsicherungsquote ist von 1,7 auf 3,1 Prozent gestiegen. Wenn sie damit auch noch klar unter der Gesamtmindestsicherungsquote (Hartz IV und Grundsicherung für alte und erwerbsgeminderte Menschen) von 9,3 Prozent liegt, ist angesichts der Dynamik dieser Entwicklung kein Anlass zur Entwarnung gegeben. Vielmehr werden in den nächsten 10 bis 20 Jahren zunehmend Menschen mit gebrochenen Erwerbsverläufen ins Rentenalter kommen und auf eine Rente stoßen, deren Niveau politisch gewollt sinkt. Nicht nur die relativen Armutsquoten bei Rentnerhaushalten werden damit weiter stark überproportional ansteigen, bald werden sich auch die Bezieherzahlen für die Grundsicherung im Alter nicht mehr viel von denjenigen bei Hartz IV unterscheiden.

Lesen Sie hier den gesamten Armutsbericht 2016!


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