17.03.2016

Armut macht krank

Armut ist das größte Risiko für die Gesundheit. Bis zu zehn Lebensjahre verlieren die von Armut Betroffenen. Forderungen werden laut, Gesundheit als ein Menschenrecht politisch zu verankern.

Von: Janina Trebing/Armut und Gesundheit
Unter dem Motto „Gesundheit ist gesetzt!?“ wird auf dem Kongress Armut und Gesundheit das Präventionsgesetz diskutiert. Martina Huth

Unter dem Motto „Gesundheit ist gesetzt!?“ wird auf dem Kongress Armut und Gesundheit das Präventionsgesetz diskutiert. Martina Huth

Der Kongress Armut und Gesundheit, der gegenwärtig in Berlin stattfindet, fordert, Gesundheit als ein Menschenrecht politisch zu verankern. Armut stelle das mit Abstand größte Risiko für die Gesundheit. Bis zu zehn Lebensjahre würden die von Armut Betroffenen verlieren. Allen in Deutschland lebenden Menschen solle ein Leben ermöglicht werden, das neben dem Zugang zu medizinischer Versorgung auch soziale Teilhabe beinhaltet.

Aktuelle Daten zum Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Lage stellte Dr. Thomas Lampert vom Robert Koch-Institut vor. Demnach zeigten sich nach wie vor deutliche soziale Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung. Männer und Frauen, die einem Armutsrisiko ausgesetzt sind, hätten eine um 11 beziehungsweise 8 Jahre geringere Lebenserwartung im Vergleich zu den höheren Einkommensgruppen. Die sozialen Unterschiede zeigten sich bei fast allen chronischen Krankheiten und Beschwerden, darunter Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Rückenschmerzen.

Schlechtere Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie Teilhabechancen spielten dabei ebenso eine Rolle wie Unterschiede im Gesundheitsverhalten und bei gesundheitsbezogenen Kompetenzen und Ressourcen. „Dass der soziale Status die Gesundheit beeinflusst, zeichnet sich bereits bei Kindern und Jugendlichen deutlich ab und lässt sich dann über den gesamten Lebenslauf bis ins hohe Alter beobachten", so Lampert.

Es sei ein Skandal, dass in einem der reichsten Länder der Erde die Diskrepanzen zwischen Arm und Reich so gravierend seien. „Eine adäquate Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht“, betonen Prof. Gerhard Trabert und Nele Kleinehanding, beide vom Mainzer Verein Armut und Gesundheit. Sie fordern umfassende politische und strukturelle Anpassungen mit dem Ziel, die Gesundheitsversorgung von Menschen in prekären Lebensverhältnissen zu verbessern.

Umsetzung des Präventionsgesetzes

Unter dem Motto „Gesundheit ist gesetzt!?“ wird auf dem Kongress auch diskutiert, inwiefern das Präventionsgesetz zum Abbau sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheiten beitragen kann. Mitte Februar hatte die Nationale Präventionskonferenz bundeseinheitliche trägerübergreifende Bundesrahmenempfehlungen zur Gesundheitsförderung in Lebenswelten und Betrieben verabschiedet.

Aktuell verhandeln die Sozialversicherungsträger mit den Ländern, wie das Gesetz vor Ort umgesetzt werden soll. Prof. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender von Gesundheit Berlin-Brandenburg und vom Paritätischen Gesamtverband, bezeichnet das Präventionsgesetz zwar als wesentlichen Meilenstein zur Stärkung von Gesundheitsförderung und Prävention, jedoch würden die Ressourcen nicht ausreichen, um das nach heutigem Wissen Wirksame in den Lebenswelten zu tun. „Und von ‚Prävention als gesamtgesellschaftlicher Aufgabe‘ oder gar von ‚health in all policies‘ kann nach wie vor keine Rede sein“, so Rosenbrock. 

Die gesetzliche Regelungsstruktur sei stark durch die Gesetzliche Krankenversicherung und staatliche Akteure bestimmt. Deshalb werde für die Durchführung viel davon abhängen, dass in den derzeit verhandelten Landesrahmenvereinbarungen insbesondere Träger von Lebenswelten sowie die Landesvereinigungen für Gesundheit eine starke Stellung erhalten. „Denn sie haben die Zugänge, die Detailkenntnis über die Probleme und auch gewichtige Erfahrungen für die Durchführung von Interventionen einzubringen“, sagte Rosenbrock.

Krankheit macht arm

Armut mache aber nicht nur krank, sondern Krankheit mache auch arm, betonte Trabert. "Insbesondere chronische Erkrankungen führen häufig zu einer materiellen Verarmung", sagte der Sozialmediziner.

Grund dafür sei häufig ein fehlender Krankenversicherungsschutz. Neben Obdachlose oder Strafentlassenen, deren Zugang zu einer Krankenkasse deutlich erschwert ist, seien zunehmend auch Menschen betroffen, die ihre Beiträge nicht mehr zahlen könnten. "Experten gehen davon aus, dass rund 200.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert sind", sagte Trabert. Nötig sei daher zu einer paritätischen Finanzierung bei den Krankenkassenbeiträgen zurückzukehren.


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