15.01.2019

Armut macht den Unterschied: Zur Lebenssituation armer Menschen

Die Waschmaschine ist kaputt, es kann keine Neue angeschafft werden. Das Auto muss in die Werkstatt, der Weg zur Nachtschicht wird unmöglich. Welchen Kinofilm schauen wir diese Woche? Diese Frage stellt sich erst gar nicht. Armen Menschen geht es in fast allen Lebensbereichen schlechter.

Von: Greta Schabram, Der Paritätische Gesamtverband
Luxus vom Brot nehmen ©pixabay

Luxus vom Brot nehmen ©pixabay

Greta Schabram, Der Paritätische Gesamtverband

Greta Schabram, Der Paritätische Gesamtverband

Armut betrifft nicht nur einen Teil des Lebens, sondern wirkt sich auf nahezu alle Facetten aus: wie sorgenreich das Leben ist, wie man wohnt, wie glücklich und gesund man ist. Armut beeinflusst negativ das eigene Sinnerleben, macht ängstlicher und trauriger. Das Leben kann weniger kontrolliert werden und ist damit anfällig für Überforderung und Stress.

Durchgängig zeigt sich, dass Arme gegenüber Nicht-Armen schlechter gestellt sind und schwierigere Lebensumstände haben. Einkommensarmut geht mit materiellen Entbehrungen Hand in Hand: Kein Geld für einen Internetanschluss, das Heizen der Wohnung in kalten Monaten oder die Möglichkeit abgenutzte Dinge durch neue zu ersetzen.

Eine kaputte Waschmaschine, und dann?

Eine deutliche Mehrheit von rund zwei Drittel der Armen, aber nur eine Minderheit von nicht einmal 20 Prozent der Nicht-Armen, lebt in Haushalten, die keine finanziellen Rücklagen für Notfälle haben. Für 77 Prozent der Armen ist kein Sparen möglich. Auf Nicht-Arme trifft dies nur zu weniger als einem Drittel zu. Wenn aber finanzielle Rücklagen und selbst kleinste Sparmöglichkeiten fehlen, müssen Betroffene hoffen, dass es keine Notfälle gibt. Wenn beispielsweise die Waschmaschine kaputt geht, kann nicht einfach eine neue gekauft werden. Ein Waschsalon ist auf Dauer nicht nur zeitraubend, sondern muss erreichbar sein und wird sowohl durch Anfahrt als auch die vielen Waschgänge für eine mehrköpfige Familie viel Geld beanspruchen. Ebenso kann ein kaputtes Auto, das von einer alleinerziehenden Mutter für den Weg zur Früh- oder Nachtschicht benötigt wird, zur Krise führen. Öffentliche Verkehrsmittel sind an Randzeiten oft nicht verfügbar, Reparaturen sind kostspielig und nur durch Rücklagen zu finanzieren. Zugleich wird der Lohn dringend benötigt. Selbst das Leihen von Geld oder Ratenzahlungen sind keine nachhaltige Lösung, wenn jeden Monat nichts übrig bleibt.

Armut bedeutet Entbehrung: Ein Viertel aller Armen lebt in Haushalten, in denen nicht jede*r einen kleinen wöchentlichen Geldbetrag zur freien Verfügung hat. Die Möglichkeiten zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben sind damit fundamental eingeschränkt. Hier steht in der Regel nicht zur Debatte, welcher Kinofilm geschaut wird, da ein Kinobesuch schlicht nicht drin ist. Für Kinder wiegt dieser Mangel an Teilhabe, die Ausgrenzung besonders schwer. Kein Kind kann den Umgang mit Geld lernen, wenn es nie welches hatte. Wenn kein Brötchen beim Bäcker oder Sammelkarten am Kiosk vom eigenen Geld gekauft werden können, steht das Kind im wahrsten Sinne des Wortes nebendran. Knapp drei Viertel der Armutsbetroffenen unternimmt innerhalb eines Jahres noch nicht einmal eine einwöchige Urlaubsreise. Für die betroffenen Kinder bedeutet dies, dass sie nach den Schulferien nie über eine Reise berichten können. Sie merken, dass das Entdecken neuer Länder, anderer Tätigkeiten wie Skifahren oder Surfen, der Urlaub am Pool oder Meer etwas sind, von dem sie ausgeschlossen sind und dessen sie sich unter Umständen sogar schämen, da sie „nur“ Zuhause blieben.

Armut wirkt sich dramatisch auf die Gesundheit aus

In der Wissenschaft besteht Konsens darüber, dass Einkommensarmut nicht nur einen Mangel an Teilhabe bedeutet, sondern auch direkte Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden hat. Anhand der für den Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes ausgewerteten Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) kann gezeigt werden: Armut bedeutet Sorgen und nicht selten Stress. Psychische Belastungen von Armutsbetroffenen sind höher als von Nicht-Armen. Sie leiden vermehrt unter starker Anspannung, Isolation und dem Gefühl, keine Kontrolle über eigene Sorgen zu haben.

Sowohl um die eigene wirtschaftliche Situation, als auch um die Altersversorgung und eigene Gesundheit sorgen sich Arme signifikant stärker als Nicht-Arme. Arme schätzen zudem ihren Gesundheitszustand schlechter ein als Nicht-Arme, trotz ihres im Durchschnitt jüngeren Alters. Vor allem haben Arme häufiger als Nicht-Arme „große Sorgen“ in allen untersuchten Lebensbereichen. Sorgen sind große Belastungen. Die Menschen wissen, dass sie sich Medikamente kaum leisten können oder Zahnbehandlungen ausbleiben müssen. Sie wissen auch, dass sich ihr Lebensstandard im Alter weiter verschlechtern wird, weil die Leistungen der Gesetzlichen Rentenversicherung nicht ausreichen und eine betriebliche oder private Alterssicherung aus finanziellen Gründen nicht möglich ist. Wer sich um Wesentliches große Sorgen machen muss, leidet allein schon der Sorgen wegen, denn Sorgen sind schwer abzuschütteln. Gerade wenn man, wie Armutsbetroffene, auch allen Grund zum Sorgen hat.

Die Empirie belegt: Arme sind signifikant stärker beeinträchtigt durch psychische Faktoren. Die Belastung liegt oftmals um das Doppelte höher im Vergleich zu den Nicht-Armen. Ein niederschmetterndes Ergebnis ist der Befund, dass rund vier von zehn erwachsenen Armen sich nicht in der Lage sahen, Sorgen zu kontrollieren. Wie das Beispiel der erwerbstätigen Mutter mit ihrer Abhängigkeit vom funktionierenden Auto illustriert, befinden sie sich in einer Zwickmühle. Sie haben keine Kontrolle über ihre Situation und kaum Möglichkeiten, Sorgen einzudämmen, denn dazu fehlen die Ressourcen. Die psychische Mehrbelastung von Armen besteht auch in weniger Freude an der eigenen Tätigkeit, erhöhter Nervosität und Anspannung und im Ausmaß an Niedergeschlagenheit. Gefühlszustände wie Angst, Trauer und Ärger sind unter Armen weiter verbreitet als bei Nicht-Armen. Rund 20 Prozent der Armutsbetroffenen gaben an, sich beispielsweise in den vorangegangen vier Wochen sehr oft oder oft traurig gefühlt zu haben, aber nur elf Prozent der nicht-armen Personen.

Anerkennung ist wichtig für das Wohlbefinden

Auch das eigene Sinnerleben als Ausübung einer sinnvollen und für die Gesellschaft wertvollen Tätigkeit ist bei Armen weniger ausgeprägt. Arme erzielen insgesamt nicht nur weniger Einkommen, sie haben zudem auch ein schlechteres Gefühl bei dem, was sie tun, weil es als weniger relevant und sinnvoll empfunden wird. Dabei ist, ungeachtet dessen, welcher Tätigkeit ein Mensch nachgeht, Sinnerleben für das psychosoziale Wohlbefinden und den eigenen Selbstwert von Bedeutung.

Der im Armutsbericht 2018 angestellte Vergleich zwischen Armen und Nicht-Armen belegt soziale Ungleichheit, die sehr wahrscheinlich auch als ebensolche, nämlich ungleiche Schlechterstellung empfunden wird. Anhand der quantitativen Daten kann ein vertiefter Blick auf die Armutsbetroffenen geworfen werden. Die empirischen Erkenntnisse liefern zugleich viele gute Gründe, um den notwendigen politischen Handlungsdruck für eine wirksame Armutsbekämpfung voran zu treiben.


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