01.03.2016

Armut im Alter: die programmierte Not

Altersarmut droht in Deutschland zu einem Massenphänomen zu werden. Und wer einmal betroffen ist, kann sich selten wieder daraus befreien. Es braucht dringend eine gezielte Politik zur Vermeidung von Armut im Alter.

Von: Dr. Joachim Rock
Der Wertverlust der Renten führt zwangsläufig zu steigender Armut. Fotolia/Alexander-Raths

Der Wertverlust der Renten führt zwangsläufig zu steigender Armut. Fotolia/Alexander-Raths

Altersarmut ist heute Armut ohne Ausweg. Wer von Armut im Alter betroffen ist, ist ausgeliefert. Jenseits des Rentenalters eine neue Arbeit zu finden, ist eine Hoffnung an der Grenze zur Illusion. Zum Leben bleibt, was zuvor an Leistungsansprüchen erworben wurde und was die staatliche Grundsicherung ergänzend gewährt. Wer im Alter arm wird, der verfügt selten über relevante Rücklagen. Während Mieten und Preise steigen, sinkt gleichzeitig der Wert der Rente – eine Zangenentwicklung, der der ältere Mensch ausgeliefert ist.

Armut im Alter ist nicht nur Armut an Geld, sondern auch an sozialen Kontakten. Sie ist Armut an Teilhabemöglichkeiten. Von Armut betroffenen Menschen im Alter fehlen nicht nur die sozialen Kontakte, die für erwerbstätige Menschen durch die Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen selbstverständlich sind. Armen Menschen im Alter fehlen auch die Möglichkeiten, die Kosten von Mobilität  und damit auch von Teilhabe zu finanzieren. Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben oder, schlimmer noch, die Verwiesenheit auf die eigenen vier Wände, weil man sich die Ausflüge mit dem Sportverein oder die Lokalbesuche mit der Skatrunde nicht mehr leisten kann. Gerade Menschen im ländlichen Raum, ohne eigenes Auto und abseits von Geschäften und Dienstleistungen, stehen im Abseits.

Falsche politische Prioritäten

Wer einmal von Altersarmut betroffen ist, ist regelmäßig nicht mehr in der Lage, sich aus eigener Kraft aus diesem Zustand zu befreien. Altersarmut ist heute ein Schicksal, das den Menschen für den Rest seines Lebens, über 5, 10, 20 und mehr Jahre begleitet. Dabei können von Altersarmut betroffene Menschen bislang kaum mit zusätzlicher Unterstützung rechnen, im Gegenteil. Das fortdauernde Sinken des sogenannten Rentenniveaus wir von einer breiten Mehrheit der Parteien nicht in Frage gestellt. Und an Stelle einer gezielten Politik zur Vermeidung von Armut im Alter war die politische Priorität der vergangenen Jahre die Sicherung der Einkommensposition der vergleichsweise gut situierten Facharbeiter, in der Regel Männern, die mit der Rente ab 63 das Angebot erhielten, überdurchschnittliche Leistungen auch länger in Anspruch zu nehmen.  Ältere Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiographien, insbesondere Frauen, Selbstständige und erwerbsgeminderte Menschen stehen nicht im Fokus der Politik. 

Altersarmut nimmt zu. Noch immer ist der Mythos verbreitet, Altersarmut treffe nur einen sehr kleinen Teil der älteren Menschen. Für das Jahr 2014 hat das Statistische Bundesamt für Rentner/innen und Pensionär/innen eine „Armutsrisikoquote“ von 15,6 Prozent errechnet – ein überdurchschnittlicher Wert, gemessen an dem durchschnittlichen „Armutsrisiko“ von 15,4 Prozent. Altersarmut droht, zu  einem Massenphänomen zu werden. Das kann niemanden überraschen: Wir wissen schon heute, welche Ansprüche Menschen gegenüber den Versicherungssystemen (nicht) gesammelt haben. Wir wissen, dass die Lebenshaltungskosten, etwa für Miete und Energie, wachsen, während der Wert der Rente stetig sinkt. Altersarmut ist damit programmiert.

Dabei muss Altersarmut kein Schicksal sein, sie ist vermeidbar. Man muss es nur wollen.

Lesen Sie hier den gesamten Aufsatz „Armut im Alter und bei Erwerbsminderung“.


Kommentare (6)

  1. Jean Fairtique
    Jean Fairtique am 10.03.2016
    Wer um Gottes Willen ist denn auf diesen Satz gekommen: "Dabei muss Altersarmut kein Schicksal sein, sie ist vermeidbar. Man muss es nur wollen."
    Das einzige Wollen könnte nur darin bestehen, die jetzige Regierung mit dem "christlichen" und "sozialen" Geschmäckle abzuwählen. Der einzige mir einleuchtende Grund ist doch, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Dabei sind wir mittlerweile das drittstärkste Land mit Milliardären (120+) um genau zu sein.
    Die Senkung des Spitzensteuersatzes von 53 auf 42, die Verwässerung der Erschaftssteuer und unglaubliche Steuerverminderungsmöglichkeiten, die nur Reichen ein wohlfeiles Betätigungsfeld eröffnen, haben zu diesem Ungleichgewicht genauso beigetragen wie das unselige Hartz IV, das ja eigentlich mal als kurzfristiger Übergang gedacht war, sich aber immer mehr zu einem "Abstellplatz für Arme" entwickelt...
  2. peter-deutsch
    peter-deutsch am 10.03.2016
    Man muss es nur wollen ? Ein wahrhaft intelligenter Spruch wenn man bedenkt das auf dem Arbeitsmarkt Menschen Ü50 keine Chance mehr haben ! Den Rest erledigt dann die Agenda 2010 die den Menschen a ) die Würde b ) den letzten ersparten "Pfennig" auch noch wegnimmt . In einem Land wo 4,68 Millionen Arbeitssuchende auf einen Stellenmarkt von 99000 freien Helferstellen treffen ( Zahl der BA von Februar 2016 jederzeit dort in den Statistken einzusehen ! ) ist die THESE > man muss es nur wollen schon reichlich asozial gegenüber unseren Alten !!
  3. Joachim Rock
    Joachim Rock am 11.03.2016
    Natürlich ist Altersarmut vermeidbar. Nicht immer durch die Betroffenen, aber immer durch eine bedarfsgerechte Gestaltung der Alterssicherung. Das setzt den entsprechenden politischen Willen voraus.
    Was denn sonst?
  4. Holger Kleemann
    Holger Kleemann am 12.03.2016
    Die Frage ob Altersarmut vermeidbar ist, ist meiner Ansicht nach nicht richtig gestellt, denn natürlich ist die Altersarmut vermeidbar, aber sie ist gewollt. Gewollt von der Politik, von der Wirtschaft und von den Reichen. Hört sich erst einmal blöde an, ist aber so. Mann stelle sich vor, dass es in unserem Land keine Altersarmut gibt. Welche Versicherung hätte ein Argument eine zusätzliche Altersvorsorge zu verkaufen? Eine Vorsorge die keinen einzigen Cent zusätzlich in die Kasse der Sparer bringt. Die Politik hätte keinen Grund Programme aufzulegen, die einer Altersarmut entgegen steuern und könnten sich nicht selbst feiern, weil so viele alte Menschen ihr mühselig erspartes in sinnlose "Altersarmut" verhindernde Aktionen stecken und alles nur damit Versicherungen und Banken sich dicke Taschen machen.
    Altersarmut ist VERMEIDBAR. Dazu muss nur der Renten-Faktor wieder geändert werden. Die SPD hat eine Senkung des Renten-Niveaus bis auf 43% in Gang gesetzt und zusätzlich darf man, wenn man Pech hat, seine Rente auch noch versteuern, ohne eine Rücklagenbildung für schlechte Zeiten.
    In unserem Land wird dringend eine "NEUE" Politik notwendig.
  5. Ursula Biermann
    Ursula Biermann am 12.03.2016
    "Armut im Alter" ist der allerletzte Hohn einer menschenverachtenden Kreatur, die mit der Hacke in den Boden gestampft gehört! Kein Tier ist so verkommen, wie der grenzenlos gierige homo sapiens, der sich hemmungslos alles unter den Nagel reißt, was ihm in die Finger kommt, bar jeder sozialen kleinsten Pieke irgendwo auf seiner Haut, auf der er sich kratzen müsste.
    Die politische Brut, die sich wagt, die Bürger dieses Landes als "KAKERLAKEN" zu bezeichnet, gehört mit deftigen Tritten außer Landes befördert unter Zurücklassung aller Schätze, die sie in diesem Land zusammengerafft haben! Wir haben kapiert, wer das "PACK" dieses Landes ist! Also: MACHT HINNE, bevor wir ganz böse werden - - -
  6. Laura
    Laura am 13.04.2016
    Zu diesem Thema gibt es auch auf http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2015-10/35227100-studie-risiko-fuer-altersarmut-steigt-in-deutschland-weiter-an-003.htm einen sehr interessanten Artikel. Es ist erschreckend zu sehen, welche Entwicklung das ganze mittlerweile nimmt. Hier muss sich endlich etwas ändern.

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