11.03.2016

Arm und psychisch krank – psychisch krank und arm

Armut und seelische Erkrankungen bedingen sich gegenseitig: Einkommensarmut verschlimmert die psychische Situation der Betroffenen, was es ihnen wiederum erschwert Fuß zu fassen – sei es am Arbeitsmarkt oder im gesellschaftlichen Leben.

Von: Sabine Bösing
Aus psychischen Erkrankungen resultieren Verarmungs- und Ausgrenzungsprozesse. Fotolia/M_ArTo

Aus psychischen Erkrankungen resultieren Verarmungs- und Ausgrenzungsprozesse. Fotolia/M_ArTo

Armut und psychische Erkrankungen stehen in einem engen Zusammenhang: Für psychisch kranke Menschen besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, arm zu werden oder zu sein als für gesunde Menschen, und für arme oder von Armut bedrohte Menschen besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine psychische Störung zu entwickeln oder unter einer psychischen Störung zu leiden als für finanziell abgesicherte Menschen.

Ob „arm und psychisch krank“ oder „psychisch krank und arm“: Die betroffenen Menschen befinden sich in einem Kreislauf, der geprägt ist von Exklusion in allen Lebensbereichen und die damit verbundenen zunehmenden Selbstzweifel sowie der Resignation.

Armut grenzt aus

Unter den Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihren Angehörigen gibt es besondere Risikogruppen, die aufgrund ihrer Lebensumstände eine besondere Betrachtung verdienen. Dazu gehören unter anderen Migranten und Flüchtlinge. Die Risikofaktoren reichen von Traumatisierung durch Flucht und Vertreibung, Heimweh, Arbeitslosigkeit, schlechter Bildung bis zu prekären Wohnverhältnissen. Vor allem Sprach- und Kulturprobleme führen dazu, dass viel zu spät Hilfe aufgesucht wird. Armut und Ausgrenzung sind die Folgen.

Die Akzeptanz von psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren zwar verbessert, jedoch erfahren noch immer viele Betroffene gesellschaftliche Stigmatisierung. Oft führen erlebte Ausgrenzungserfahrungen zu sozialem Rückzug, Misstrauen und Scham. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben findet nicht mehr statt. Die Folgen sind zunehmende Vereinsamung und eine Verstärkung der Krankheitssymptome.

Armut und psychische Erkrankungen bei Kindern

Schlechte sozioökonomische Bedingungen fördern seelische Erkrankungen. Nach der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie „KiGGS“ des Robert Koch-Instituts leiden Kinder aus sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen häufiger an Essstörungen, motorischen Problemen und psychischen Auffälligkeiten als Kinder mit finanziell abgesichertem Hintergrund.

Kinder von psychisch kranken Eltern sind zudem einem besonderen Risiko ausgesetzt, im Laufe ihres Lebens selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Bei unbehandelten beziehungsweise unzureichend behandelten psychischen Störungsbildern droht für die Betroffenen die Gefahr einer Chronifizierung, welche oft negative Auswirkungen auf die Schul- und Berufsausbildung hat und damit auf die spätere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Armut als Mangel an Bildung und Arbeit

Besonders im Arbeitsleben nimmt der Anteil psychischer Erkrankungen zu. Einer Analyse der DAK-Gesundheit zufolge entfielen 2014 knapp 17 Prozent aller Fehltage auf Depressionen, Angststörungen und andere psychische Leiden. Das ist ein Anstieg um knapp 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Psychische Störungen sind mit vielfältigen Einschränkungen und Behinderungen im Bereich Bildung und Arbeit verbunden. Diese können je nach Art von Diagnose, Entwicklungsstufe und Entstehungszeitraum variieren und reichen von frühzeitigem Schulabbruch, keiner oder abgebrochener Ausbildung, Arbeitslosigkeit, verminderter Arbeitsproduktivität und niedrigerem Einkommen bis hin zu Frühberentung. Auch umgekehrt hat der Erwerbsstatus erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Bei arbeitslosen Menschen ist die Morbiditätsrate zwei- bis dreimal höher als bei Menschen, die in einem Arbeitsverhältnis stehen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass aus psychischen Erkrankungen Verarmungs- und Ausgrenzungsprozesse resultieren. Aufgrund der negativen Auswirkungen auf die Betroffenen ergeben sich dringender Handlungs- und Verbesserungsbedarf in der Prävention, Früherkennung, Beratung, Behandlung und Betreuung von psychischen Störungen und Erkrankungen. Nur so kann Armut durch materielle Deprivation und soziale Ausgrenzung vermieden werden.

Lesen Sie hier den gesamten Aufsatz „Zur Armutsgefährdung von Menschen mit psychischer Erkrankung“.


Kommentare (6)

  1. Johanna Geisel
    Johanna Geisel am 17.05.2016
    "Für psychisch kranke Menschen besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, arm zu werden"

    Als jemand, der selbst zweimal ein Studium wegen einer psychischen Erkrankung abbrechen musste: Das stimmt leider zu sehr.

    Es gibt zwar Beratungsstellen and den Unis, aber wenn die Gesetzgebung seitens des Staates derartig gestaltet ist, dass keine Sonderregelungen gelten, bist du trotzdem am Allerwertesten. Ist das BAföG einmal weg, kannst du einpacken.
    Ich habe es versucht, trotz mangelnder staatlicher Hilfe nochmal ein Studium aufzunehmen, indem ich mich über eine Art Kredit finanziert habe. Geld war so knapp bemessen, dass ich dringends in Regelstudienzeit hätte fertig werden müssen.
    Nun schaffen aber im Studiengang Mechatronik nur wenige Leute den Abschluss in Regelstudienzeit. Üblicherweise dauert es ein, zwei Semester länger. Das wäre ja kein Problem, wenn man Geld hätte. Ich hatte keins. Also folgten Überlastung, Rückfall, Pleite und Studienabbruch. Und jetzt ~20.000€ Schulden bei Arbeitsunfähigkeit (zumindest im Moment).
    Danke, BRD.
  2. bernd rucksack
    bernd rucksack am 31.05.2016
    Sehen sie sich mal die Erwerbsminderungsrentner an. Da werden Renten um 800 Euro bezahlt. Wie sich damit ein Menschen würdiges Leben führen lassen soll ist nicht nur mir ein Rätsel. Diese Menschen vereinsamen haben enorme finanzielle Sorgen und sind auf Grund ihrer Krankheit meist sehr wehrlos.
    Warum schaut unsere Politik da zu, sie weis um das Elend der Kranken armen Menschen schaut aber Tatenlos zu. Das diese Menschen Psychische Probleme bekommen ist kaum verwunderlich. Es wird Zeit das unsere oberen Staats/Regierung Führer endlich etwas verändern um ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Wie kann man nur Menschen die auf Grund ihrer Erkrankung nicht mehr am Arbeitsleben teil haben können so miss in die Armutsfalle mit all ihren leiden fallen lassen?
  3. Peter Katz
    Peter Katz am 06.07.2016
    Das ist alles schon lange bekannt. Leider ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Leistungsdenken verankert, das den Menschen an sich verkennt. Wo sind all die hehren Werte geblieben. Der Aufklärung. Wer nichts "leistet" ist nichts wert. Wobei einmal dahingestellt ist, worin die Leistung all dieser Banker etc besteht. Darum wäre es nun Zeit für das Grundeinkommen. Es würde auch jenen Menschen ein Leben ermöglichen, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen KÖNNEN.
  4. Marigny de Grilleau
    Marigny de Grilleau am 09.07.2016
    Um die Brisanz der Drohkulisse, die von den Jobcentern gefahren wird, noch einmal vor Augen zu führen, zeige ich Ihnen die Auswirkungen von Sanktionen und Sanktionsandrohungen auf die physische Lage der Betroffenen in signifikanten und zahllosen Fallbeispielen nach.(Vgl. z .B. u.a. Ames 2009, S.43; S.1611; Berliner Kampagne 2008, S.47; S.57; S.63; Griesmeier 2009, S.19ff; Daseking 2009, S.57).

    Die Folgen reichen von Schlafstörungen, Depressionen bis hin zu massiven Schuldgefühlen, die bei vielen Betroffenen schlimmer empfunden werden als "Hunger" (Ames 2009, S.43 f.). Sanktionen im Zusammenwirken mit weiteren ungünstigen Situationskonstellationen führen meist zu schwerwiegenden psychosomatischen Erkrankungen.

    Die Berliner Kampagne stellt in ihrer Analyse fest: "Die Auswirkungen des Fehlens von gesellschaftlicher Erwerbsarbeit auf die Befindlichkeit des Einzelnen sind gravierend. Diese Belastungen werden noch verstärkt, wenn die Menschen ständiger Sanktionsgefahr ausgesetzt sind:

    Minderwertigkeitsgefühle, Depressionen, Zwänge, Suchtverhalten, soziale Ängste, psychosomatische Erkrankungen" (vgl. Daseking 2008, S. 57). Alle Studien, die sich mit Sanktionen auseinandersetzen, weisen zumeist auf die hohe psychische Belastung hin. Dies ist insofern nicht verwunderlich, da wie schon beschrieben, bereits die Möglichkeit dass Sanktionen ausgesprochen werden können eine disziplinierende Drohkulisse darstellt.

    Es sei an dieser Stelle auch auf die internationale Definition von Gesundheit der
    Weltgesundheitsorganisation (Word Healt Organisation, WHO5) hingewiesen. Gesundheit wird definiert als "ein Zustand vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, der sich nichtlediglich durch die Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung auszeichnet".Beim Vergleich der Studien über den Sanktionsmechanismus sind häufig die Begriffe wie "Angst" verwendet worden(Existenzangst, Angst vor Verlust der Wohnung, Angst nicht zu wissen, wie man an Nahrungsmittel kommt, Gefühl der Überforderung und Hilflosigkeit sowie Ohnmachtsgefühle). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die negativen Auswirkungen von Sanktionen auf die psychische Gesundheit von Betroffenen in den unterschiedlichen Studien klar belegt sind. Im Extremfall führen sie zu Suizidversuchen.
  5. Susanne Meyer
    Susanne Meyer am 03.10.2016
    Ich bin jahrelang immer wieder krank geworden und deshalb ist in diesen Jahren mit Studium nicht viel gegangen.

    Seit Anfang 2014 bin ich aber vollständig wieder fit, habe mein Studium wieder aufgenommen und im Juli 2015 mit Diplom abgeschlossen. :-)

    Aber bis jetzt war ich mit Jobsuche erfolglos. Es könnte an der langen Lücke im Lebenslauf liegen, vielleicht liegt es daran. Ich weiß es nicht.

    Bisher habe ich nur eine Stelle gefunden, wo nach Lebenslauf nicht gefragt wurde. Es ist eine 1/3 Stelle, ich trage nachts die Lokalzeitung aus. Ich bin Geringverdiener und pleite.

    Ich habe an der Uni immer wieder die Rückmeldung bekommen, ich sei fachlich sehr kompetent. Aber eine Stelle ist leider dabei nicht rausgesprungen.

    Das Bewerben ist ungeheuer frustrierend.

    Ich bin Chemikerin, angeblich werden die MINT-Berufe doch dringend gesucht.... aber mich wollen die Arbeitgeber nicht, vermutlich ist tatsächlich der Grund, dass sie sich an der langen Lücke im Lebenslauf stören.
  6. VOM_STAAT_VERNICHTET
    VOM_STAAT_VERNICHTET am 08.08.2017
    Dieser Artikel hilft mir in keiner Weise weiter, ich bin Arm (ca 8000 Euro Einkommen im Jahr) weil ich mehr als die hälfte des Jahres nicht arbeiten kann wegen meiner psychischen Erkrankung. Da mich die Krankenkasse raus geschmissen hat (konnte Monate lang nicht zahlen) bin ich jetzt zum "Nottarif" versicher heist die bezahlen meine Pflegeversicherung und sonst keine Leistungen und kassieren dafür 150 Euro im Monat, wenn ich nicht zahlen kann kommen dann noch 500 Euro Strafe drauf und dann wieder und wieder.... dieser Staat nimmt mir das bisschen was ich hab nun auch noch weg und ne Psychotherapie soll ich auch noch aus eigener Tasche zahlen (800-1000 Stunden bei 135 Euro kann ich mir in meinem ganzen leben nicht leisten). So langsam hab ich das Gefühl ich muss kriminell werden um noch irgendwie den Arzt bezahlen zu können.

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